Natur

Umwelt

Hohenlohe

Brandenburg

Reisen

Kontakt

nature-press




presse-dienst


"Verspielte Trutzburg", die Joachimsthaler Schinkelkirche

Hat Brandenburgs berühmtester Baumeister, Karl Friedrich Schinkel, bei der viertürigen Kreuzkirche vor lauter kunstvollen Giebeln und filigranen Spitzbögen den Hauptturm vergessen?

Wer in dem beschaulichen Schorfheide-Städtchen Joachimsthal spektakuläre Touristenattraktionen erwartet, der wird zunächst enttäuscht. Die 1247 erbaute Askanierburg Grimnitz ist längst verfallen und auch von den ersten brandenburgischen Glashütten, die 1604 zur Stadtgründung durch denschinkelkirche westgiebel brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich führten, künden allenfalls noch im Boden verborgene Scherben. Doch wer etwas Zeit und Muße im Gepäck hat, vielleicht auch noch Fontanes Ratschlag beherzigt, "Wer in die Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen", der wird auch hier belohnt werden.

Nur wenige Meter abseits von den Verkehrsadern Markt- und Rosenstraße eröffnet sich dem Besucher, der durch die enge gepflasterte Schulstraße kommt, unvermittelt ein ganz besonderer Augenschmaus. Vor ihm thront massig die grau getünchte Joachimsthaler Kreuzkirche, die von alten Linden umgeben mit ihren verspielten gestaffelten Giebeln, Spitzbogenblenden und Türmchen den Platz beherrscht. Sie ist trotz der noch jungen Stadtgeschichte bereits die dritte Kirche am gleichen Ort. Der um 1607 geweihten barocken Fachwerkkirche folgte um 1740 die zweite Joachimsthaler Kirche, die als Besonderheit einen Nord- und Südflügel erhielt. Der Grundriß dieser Kirche glich einem griechischen Kreuz.

Geheimnisse staubiger Akten

In der Nacht zum 21. April 1814 vernichtete eine Feuersbrunst neben 40 Häusern auch die Kirche. Am 17. Dezember 1817 konnte das nach Plänen des Königlich-Preußischen Geheimen Oberbaurates Karl Friedrich Schinkel neuerbaute Gotteshaus, das bis heute alle Wirren überdauert hat, eingeweiht werden. Dieser verputzte gotisierende Backsteinbau in Kreuzform bietet dem Betrachter bei einem Rundgang einige Überraschungen. So wurde jeder der vier Kirchenflügel mit einem eigenen großen Eingangstor bedacht. Schinkel, der wohl berühmteste Baumeister Brandenburgs, hat nicht den Westflügel, wie bei vielen Kirchen und Klöstern üblich, sondern den Südgiebel mit zwei achtseitigen Ecktürmchen und einer beherrschenden Uhr besonders hervor gehoben. Was mag den großen Baumeister bewogen haben, auf einen Hauptturm zu verzichten? Beatrix Spreng, die Pfarrerin der Kreuzkirche, hat sich zusammen mit dem Stadtchronisten Rolf Schneider auf den Weg gemacht, die Geheimnisse von Schinkels Bauweise und insbesondere der Kreuzkirche zu lüften. Diese oft mühevollen Recherchen in handschriftlichen historischen Bauurkunden sind die Gschinkelkirche westgiebelrundlage, um die zwischen 1969 und 1990 begonnen Sanierungsarbeiten möglichst originalgetreu fortzuführen. Doch schon heute sind einige Geheimnisse gelüftet. "Unsere Kirche war früher eine bunte Kirche, ein Farbklecks. Die Fenster waren wohl türkisblau, die Fassade rostrot und das Dach biberschwanzrot", gerät die Pastorin in´s Schwärmen. Und natürlich hat Schinkel den Hauptturm nicht einfach vergessen. Möglicherweise war er zu "giebelverliebt", um auch nur einen der prächtigen Giebel für einen Turm zu opfern.

Lebendiges Gotteshaus

Besucher sind Beatrix Spreng, die "eine lebendige Kirche" möchte, jederzeit willkommen. Folglich ist die Kreuzkirche meistens geöffnet und sollten sich größere Gruppen anmelden, gibt es im Gemeinderaum der Kirche Kaffee, verspricht sie. Das schwere hölzere Westtor gibt den Weg in das Kircheninnere frei. Zwölf achteckige Holzsäulen mit klassizistischen Kapitellen verleihen dem hohen Kirchenraum einen dreischiffigen, beinahe domartigen Charakter. An der Kirchenostwand ist zwischen zwei hohen Spitzbogenfenstern das Altarkruzifix "Christus, der Auferstehende" angebracht. Dieses Kruzifix, der Altar und das Lesepult wurden 1974 von der Greizer Künstlerin Elli-Viola Namacher geschaffen. Noch ein Blick auf die pneumatische Orgel auf der Westempore, die um 1820 vom Treuenbrietzener Bäckermeister und Orgelbauer Tobias Thurley erstellt wurde. Und dann Vorsicht beim Ausgang, auf dem aus groben Backsteinen gelegten Kirchenboden besteht Stolpergefahr. Das gilt aber kaum für die jugendlichen breakdancer, die ihre artistischen Tanzkünste schon einmal in der Kirche bei lauter HipHopmusik präsentieren. Das ist ganz im Sinne der von Pastorin Spreng gewünschten offenen Kirche. In ihrer progressiven Jugendarbeit "gegen Rechts" wurde sie durch bedeutende Preise bestätigt.

Wer Joachimsthal besucht, sollte immer genügend Zeit für die umgebende wunderschöne Natur mitbringen und keinesfalls die eiszeitlichen Endmoränen, die trutzigen Eichen der Schorfheide bei Hubertusstock oder eine Dampferfahrt auf dem weithin bekannten Werbellinsee versäumen. Schließlich wußte schon Fontane: "Es ist ein Märchenplatz, auf dem wir sitzen, denn wir sitzen am Ufer des Werbellinsees."

Service:

Anfahrt aus Richtung Berlin über die A 11 bis Ausfahrt Joachimsthal.

Mit dem Zug von Eberswalde nach Joachimsthal.

Gaststätten "Waldschänke", bekannt für Fisch- und Wildgerichte, Am Grimnitzsee 3, 16247 Althüttendorf, Tel. 033361 - 6260

Hotel-Restaurant Wenzelhof mit gutbürgerlicher Küche, Schönebecker Str. 24, 16247 Joachimsthal, Tel. 033361-6290

Dampferfahrten auf dem Werbellinsee Reederei Wiedenhöft, Seerandstr. 23, 16247 Joachimsthal, Tel. 033361 - 474; Reederei Schlößin, Bergstr. 19, 16244 Altenhof, Tel. 033363 - 4217

Touristeninformation Amt Joachimsthal, Joachimsplatz 1, 16247 Joachimsthal, 033361 - 646-0

Seitenanfang


veröffentlicht im Wochenendjournal der Märkischen Oderzeitung am 22/23.12.2001

Copyright Roland Schulz