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"Tote Männer" sichern Brücke

Im Zeitlupentempo haben Spezialisten vom Schachtbau Nordhausen die acht Millionen Mark teure Mäckerseebrücke in den vergangenen beiden Tagen über den Oder-Havel-Kanal geschoben. Mit einem Großaufgebot an Technik und Fachleuten hat die eindrucksvolle Brückenverlagerung am frühen Mittwochmorgen um drei Uhr begonnen.

Die Züge der Männer sind angespannt. Beim Umsetzen der Stützen auf die schweren Rollwagen muß jeder Handgriff sitzen. Noch letzte Feinarbeiten mit dem fkomplette_bruecken_werden_ueber_den_oder_havel_kanal_verschobenunkentreibenden Trennjäger, dann signalisiert die auf- und abschwellende Sirene der Perpetuum-Presse, dass die Hydraulikstütze mit einer Hubkraft von 500 Tonnen zur Sicherung der Brücke ausfährt. Für die Spezialisten vom Schachtbau Nordhausen bedeutet die Sirene eine kurze Atempause beim Brückeneinschub zu früher Stunde.

Am 10. Oktober um 3 Uhr morgens hat laut Baurat Dr. Hans Moser vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde das "kombinierte Einschieben und Einschwimmen" der exakt 92,3 Meter überspannenden neuen Mäckerseebrücke begonnen. Im gleißenden Scheinwerferlicht wird die 680 Tonnen wiegende Stabbogenbrücke im Südwesten des Finowfurter Ortsteils Lichterfelde über den Oder-Havel-Kanal geschoben. Ernst und Humor scheinen sich die Waage zu halten, als Moser bemerkt, der Einschub einer Brücke sei immer spannend, da man nie wisse, wie er ausgehe.

Das Gewicht der Brücke ruht auf massiven Rollwagen, die von zwei Seilwinden mit jeweils 5000 Kilogramm Zugkraft bewegt werden. Doch die Brücke scheint sich keinen Millimeter zu rühren. Friedrich Wilhelm Tischmeyer, Verantwortlicher der beauftragten Firma, bleibt gelassen. "Die Brücke rollt beim Einschub in fünf Minuten genau einen Meter." Dem bloßen Auge bleibt diese zeitlupenhafte Bewegung verborgen. "Wir verschieben jeweils um 13,2 Meter, danach müssen wir die Stützen umbauen," fügt Tischmeyer an.

Präzisionsarbeit mit 680 Tonnen

Ebenfalls am frühen Morgen hat das Einschwimmen der Brücke in ihre endgültige Position begonnen. Auf zwei Schwimmpontons wird fieberhaft gearbeitet. Männer in gelbem Ölzeug bereiten Gerüstaufbauten vor. Diese massiven roten Metallverstrebungen sollen einen Teil der 680 Tonnen auf dem Wasser übernehmen. Im Vorbeigehen greifen sich die Arbeiter aus einer großen hellen Schüssel immer wieder belegte Brötchen. Jetzt ist keine Zeit für längere Pausen. Hans Moser erläutert, dass jeweils die Gerüste eines Pontons die Brückenlast auf dem Wasser tragen. Die Aufbauten auf dem zweiten Ponton werden in dieser Zeit so eingerichtet, dass sie das Gewicht bei der nächsten Verschubphase übernehmen können.

Auf den aufgeschütteten Kanaldämmen kontrollieren Vermessungstechniker mit präzisen Nivelliergeräten während des gesamten Einschwimmens die Lage der Brücke. "Wir müssen darauf achten, dass die Brücke exakt in der Achse bleibt. Durch plötzlich aufkommenden Wind oder ein Abdriften eines Pontons kann die Brücke kippen", benennt einer der Vermesser mögliche Gefahren. Doch Tischmeyers Leute haben vorgesorgt. Die Pontons werden von "toten Männern" gesichert. Tote Männer stehen im Fachjargon für stabilisierende Verankerungen. Diesmal erfüllen die Fundamente der alten Brücke sowie jeweils zwei mit Erdaushub vollbeladene schwere Kipplastwagen, das eine Tandem auf dem Damm, das andere auf dem Baugelände stehend, diese Sicherungsfunktion. Von diesen fest miteinander verbundenen Kippern laufen 20 Millimeter dicke Stahlseile zu den Pontons und halten sie sicher in Position.

Bereits auf den Anfahrtwegen zur Brücke wird deutlich, dass heute ein besonderer Tag sein muß. Schon 100 Meter vor der alten Mäckerseebrücke sind beide Straßenränder mit Autos vollgeparkt. Auf der alten Brücke, nur etwa 50 Meter vom Geschehen entfernt, beobachten über den ganzen Tag verteilt jeweils mehr als 100 Zuschauer das Schauspiel in Zeitlupe. Ihnen wird noch ein zusätzlicher Nervenkitzel geboten. Im Dreiminutentakt läßt ein überschwerer geländegängiger Muldenkipper bei dem Transport von jeweils rund 20 Tonnen Erdaushub zum nördlichen Kanalufer die Brücke erbeben. Mit der Erde soll, wie im Süden bereits geschehen, eine stattliche Zufahrtsrampe geschüttet werden.

Vom Norddamm aus bestaunen Schüler der vierten Klasse der Grundschue aus Lichterfelde bei strahlendem Sonnenschein das Ereignis. Der zehnjährige Yves Lau weiß: "Die Brücke muss gebaut werden, weil der Kanal breiter gemacht wird." Nur wenige Meter entfernt ist Picknick angesagt. Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde haben sich die Chance nicht entgehen lassen und begutachten mit kritischen Augen bei Kaffee und Kuchen den Einschub. "Endlich können wir einmal dabei sein, wenn unsere Arbeiten umgesetzt werden", freut sich eine der Planerinnen.

Geschafft!

Um 13.40 Uhr hat der Brückenkopf das Nordufer erreicht. Noch kein Grund zum feiern, aber Zeit für die wohlverdiente Stärkung. Der Andrang am Verpflegungszelt wird stärker. Birgit Glende versorgt die etwa 30 Männer mit gegrillten Kammscheiben und kannenweise heißem Kaffee. In den Gesichtern der meisten Beteiligten steht Müdigkeit und eine beginnende Entspannung.

"Bis jetzt liegen wir gut in der Zeit. Alles verlaüft plangemäß", zeigt sich Dr.ingenieurleistung_erster_guete Moser erleichtert. "Der Brückeneinschub ist natürlich immer ein Höhepunkt und eine Belohnung der ganzen Vorarbeiten." Moser erinnert sich an all die geleisteten vorbereitenden Arbeitsschritte. An die Schwierigkeiten bei der Planung, da die neue Mäckerseebrücke in der Dichtungsstrecke zwischen Marienwerder und Niederfinow liegt. Dichtungsstrecke heißt, dass der Wasserspiegel im Kanal zum Teil erheblich über dem umliegenden Gelände steht. Kaum auszudenken, wieviel Land bei einem Dammbruch überflutet würde. Moser blickt zurück auf den Baubeginn im November letzten Jahres. Da waren die Schwertransporter, die von Sachsen-Anhalt startend die vorgefertigten Einzelteile an ihren späteren Verwendungsort transportierten. Oder die aufwändigen Schweißarbeiten beim anschließenden Zusammenbau der Teile zur Brücke.

Doch nicht die Vergangenheit ist jetzt Thema, sondern die Zukunft. Neue Aufgaben harren auf den Baurat und seine Leute. Im Rahmen des Ausbaus des Oder-Havel-Kanals von heute 33 Meter Breite und 3,5 Meter Tiefe auf zukünftig 55 Meter Breite und 4 Meter Tiefe ist der Einschub der neuen Mäckerseebrücke nur ein Anfang. Sämtliche bestehenden Brücken müssen durch neue ersetzt werden. So die Brücke am Pechteich, die Wassertorbrücke Lichterfelde, die Brücke an der B 2 in Eberswalde, Steinfurter Brücke sowie die Brücke am Klosterweg.

Doch noch ist die Mäckerseebrücke der Star. Voraussichtlich im Juni 2002 soll sie für den Verkehr frei gegeben werden. Noch sind die Arbeiten allerdings nicht vollendet. Noch lange nicht. Erst um 4.00 Uhr am Donnerstagmorgen hatte laut Hartmut Purr, dem Baubevollmächtigten des Wasser- und Schifffahrtsamtes Eberswalde, die Brücke das nördliche Fundament endlich erreicht. Heute Mittag soll sie in ihrer endgültigen Position verankert werden.


veröffentlicht in der Märkischen Oderzeitung Lokalredaktion Eberswalde, 12.10.2002

Copyright Roland Schulz